Passages uit: Der alte Mann und die kranke Schwester

Kapitel 1 – Das erste Klingeln

Es war ein Dienstagmorgen, an dem das Leben von Herrn Feldkamp zum zweiten Mal begann. Das erste Mal hatte er es selbst nicht bemerkt – es war nach dem Schlaganfall, nach dem Krankenhaus, nach dem stillen Aufgeben. Das zweite Mal hingegen hörte man es schon von weitem: Absätze auf Asphalt, das rhythmische Tippen eines Smartphones, das Klackern eines Feuerzeugs.

Sie trat in sein Leben wie ein kleiner Sturm: Lara, 24 Jahre alt, Haare zum Pferdeschwanz gebunden, in einer Hand das Telefon, in der anderen eine halbgerauchte Zigarette, die sie mit einer schnellen Geste im Blumentopf neben der Eingangstür ausdrückte.

„Guten Morgen, Herr Feldkamp! Ich bin Lara, Ihre neue Betreuungskraft. Ich bin noch nicht ganz wach, aber das wird schon.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie sich die Schuhe aus, betrat die Wohnung und rief: „Wo ist die Kaffeemaschine?“

Herr Feldkamp, 83 Jahre alt, Rollstuhlfahrer, ehemaliger Ingenieur und überzeugter Pessimist, sah sie zum ersten Mal – und wusste sofort: Diese Frau war entweder ein Versehen der Agentur oder ein Wink des Schicksals. Er tippte mit einem Finger an die Brille, schob sie auf die Nase zurück und murmelte: „Wenn Sie die Kaffeemaschine finden, sagen Sie es mir auch. Ich suche sie seit dem Umzug.“

Lara lachte. Es war ein ehrliches, unaufgeregtes Lachen, wie man es selten hört in der Welt der Altenpflege.

„Na, dann fangen wir doch gleich mit einer gemeinsamen Suche an. Vielleicht finden wir dabei auch gleich das Leben wieder.“

Herr Feldkamp verzog den Mund. Nicht ganz ein Lächeln – aber fast.

Kapitel 2 – Das Foto im Bücherregal

Zwei Wochen waren vergangen, seit Lara das erste Mal durch die Tür gestolpert war. Ihre Gewohnheiten hatten sich nicht geändert – sie telefonierte immer noch laut auf dem Balkon („Boah, Mama, chill mal!“), rauchte zu viel, und trug manchmal Schuhe mit Plateausohlen, die in der Wohnung hallten wie Hufgetrappel.

Aber etwas hatte sich sehr wohl geändert.

Herr Feldkamp wartete morgens auf sie. Nicht, dass er es zugegeben hätte. Aber sein Bart war plötzlich früher gestutzt, der Kaffee schon gekocht. Und wenn Lara sich verspätete, brummte er lauter als üblich.

An einem verregneten Donnerstagnachmittag, als Lara Staub wischte – sie machte das grundsätzlich nur halbherzig, aber mit viel Musik aus ihrem Handy –, fiel ihr Blick auf ein eingerahmtes Foto im Regal. Ein altes Schwarz-Weiß-Bild. Drei Männer in Uniform, einer davon lächelte verschmitzt in die Kamera. Der junge Mann rechts hatte Augen wie Feldkamp.

„Boah, Sie waren ja mal richtig hot, Herr Feldkamp!“, rief sie lachend.

Der Alte hob den Kopf. Als er das Bild sah, wurde sein Gesicht hart. „Stellen Sie das zurück.“

„Ist das Ihr Bruder?“, fragte Lara, diesmal leiser.

Stille.

Dann sagte er, mehr zu sich selbst: „Mein Bruder… ja. Oder das, was von ihm übrig blieb.“

Lara stellte das Foto zurück, aber da war etwas in seinem Blick, das sie nicht losließ – eine Mischung aus Bedauern, Wut und einer tiefen Müdigkeit.

„Ich hab auch ‘nen Bruder“, sagte sie zögerlich. „Aber der redet nicht mehr mit mir. Sagt, ich bin ein Klotz am Bein.“

Herr Feldkamp schwieg.

Lara war schon fast wieder draußen im Flur, da hörte sie seine Stimme – heiser, gebrochen, aber deutlich: „Meiner war in Ungarn. 1956. Panzer. Er kam nie zurück.“

Sie drehte sich nicht um, ließ ihm den Moment. Aber sie machte eine mentale Notiz: Da ist etwas. Da ist Geschichte. Da ist Schmerz.

Sie verstand zum ersten Mal, dass er sich nicht aus Bosheit hinter einer dicken Mauer versteckte. Sondern weil er Angst hatte, dass niemand mehr klopfen würde.

Kapitel 3 – Überraschung mit Zimt

Lara hatte eine fixe Idee. Und wer Lara kannte – was im Fall von Herrn Feldkamp niemand so recht tat – wusste: eine fixe Idee ließ sie nicht mehr los.

Am Freitagmorgen roch es in der Wohnung nach etwas, das der alte Mann seit Jahren nicht mehr gerochen hatte: Zimt.

„Was ist das?“, knurrte er, als sie mit einer Papiertüte hereinschneite.

„Zimtschnecken! Selbst gekauft! Ich hab null Plan vom Backen, aber die vom Bäcker unten sind mega. Und Sie meckern ja immer, dass ich nichts Gescheites esse – jetzt ess ich wenigstens was mit… wie heißt das Zeug nochmal… Gefühl?“

„Nährwert“, murmelte Herr Feldkamp, aber sein Ton war weicher als sonst.

Sie stellte einen Teller auf den Tisch. „Komm. Heute ist Freitag. Ich hab was organisiert.“

Er hob eine Braue. „Was genau haben Sie organisiert? Eine Zimt-Attacke?“

„Fast“, grinste Lara. „Ich hab den alten Plattenspieler aus dem Keller mitgebracht. Und eine LP. Edith Piaf.“

Herr Feldkamp sah sie an, als hätte sie gerade ein Stück seiner Vergangenheit vom Dachboden geholt.

„Sie mögen französische Musik, oder?“

Er sagte nichts. Nur ein kaum merkliches Nicken.

Sie stellte die Nadel auf die Platte. “Non, je ne regrette rien“ kratzte sich warm und leise aus den Lautsprechern, und der Raum veränderte sich. Etwas sank in die Tiefe, etwas anderes stieg auf.

Sie saßen nebeneinander. Er mit zitternden Händen, sie mit klebrigen Fingern vom Zuckerguss.

„Wissen Sie“, sagte Lara schließlich, „ich hab keinen Opa mehr. Und Sie, naja, Sie haben keine Enkelin. Vielleicht können wir uns was ausleihen.“

Er lächelte nicht. Aber er reichte ihr ein Stück Zimtschnecke, ohne ein Wort.

Und das war mehr, als sie erwartet hatte.

Kapitel 4 – Die Spuren unter der Haut

An einem grauen Mittwoch hatte Lara ihren üblichen Schwung verloren. Sie kam zu spät, roch nach kaltem Rauch, und ihre Worte hatten Kanten.

„Schlechter Morgen?“, fragte Herr Feldkamp, ohne aufzusehen.

„Könnte man sagen.“ Sie stellte die Tasche ab, nahm sich ein Glas Wasser, trank hastig.

Er merkte, dass sie die Schatten unter den Augen nicht von Müdigkeit hatte.

„Haben Sie geweint?“

Sie verzog das Gesicht. „Was glauben Sie denn?“

Er sagte nichts. Stille war seine Waffe – und manchmal auch seine Einladung.

Nach ein paar Minuten legte sie ihr Handy auf den Tisch, als hätte es sie verraten. Das Display war gesprungen.

„Ich war bei meiner Mutter.“

„Und?“

„Sie hat wieder diesen Ordner rausgeholt. Der mit den alten Briefen. Briefe von ihrem Vater. Meinem Opa.“

Er hörte auf zu atmen. Oder so schien es.

„Er hat im Osten gedient. Wehrmacht. Später… SS. Wir haben nie drüber geredet. Aber da sind Fotos. Briefe mit Siegeln. Mein Bruder will alles wegwerfen. Ich nicht.“

„Warum nicht?“, fragte Feldkamp leise.

„Weil ich wissen will, wer ich bin. Auch wenn es schmerzt.“

Er sah sie an, als würde er sie zum ersten Mal wirklich sehen.

„Mein Vater hat Auschwitz überlebt.“

Die Worte fielen wie Steine.

Lara wurde blass. „Das wusste ich nicht.“

„Konnte ja keiner wissen. Ich rede nicht viel. Aber vielleicht… ist das der Moment.“

Sie saßen lange schweigend da. Zwei Biografien, die einander zufällig berührt hatten – und sich nun nicht mehr voneinander lösen konnten.

„Meinen Sie…“, begann Lara zögernd, „dass Schuld vererbbar ist?“

Feldkamp schüttelte den Kopf. „Aber das Schweigen ist es.“

Und genau da, in diesem einen Satz, war ihre Verbindung geboren. Eine, die tiefer ging als Pflegepläne oder Medikamentendosen.

Kapitel 5 – Das Archiv

„Sie können sich jederzeit umentscheiden“, sagte Lara und sah ihn ernst an, während sie die schwere, ledergebundene Mappe auf seinen Wohnzimmertisch legte.

Herr Feldkamp antwortete nicht sofort. Er fuhr mit dem Finger über das spröde Leder, als würde er es abtasten wie eine Narbe.

„Ich wollte immer wissen, was die anderen gedacht haben“, murmelte er schließlich. „Was sie geschrieben haben. Während wir gestorben sind.“

Lara schluckte. Sie hatte die Mappe schon unzählige Male durchgesehen – allein, mit ihrer Mutter, nie mit jemandem wie ihm. Noch nie mit einem, der auf der anderen Seite gestanden hatte. Oder besser: auf der richtigen.

Sie öffnete das Cover. Das Papier raschelte wie altes Laub.

„Das ist ein Brief von 1943. Breslau.“ Sie zeigte auf die fein geschwungene Handschrift. „‚Liebe Anneliese, ich bin gestern angekommen…‘“

Feldkamp streckte die Hand aus. „Darf ich?“

Sie reichte ihm das vergilbte Blatt.

Er las langsam. Wort für Wort. Manchmal murmelnd, als würde er sich vergewissern, dass die Worte wirklich dort standen.

„Die Judenfrage wird hier nun endlich mit der nötigen Strenge behandelt…“

Er brach ab. Legte das Blatt mit einer zitternden Bewegung zurück.

„Ich wusste, dass es grausam war“, sagte Lara leise. „Aber zu lesen, wie beiläufig er das schreibt…“

Feldkamp sah aus dem Fenster. Draußen war es hell geworden.

„Wir sind aufgewachsen mit den Schreien, die keiner hören wollte. Und ihr… mit dem Schweigen, das keiner brechen wollte.“

Lara öffnete ein zweites Fach. Fotografien, sorgfältig beschriftet: „Sommerausflug – Lemberg 1942“.

Ein Picknick. Lächelnde Männer in Uniform. Einer hebt ein Glas.

„Das ist mein Urgroßvater.“ Sie zeigte auf den Mann mit dem schmalen Schnurrbart und dem schiefen Lächeln.

„Er sieht… normal aus“, flüsterte sie.

Feldkamp nickte. „Das ist das Erschreckende.“

Eine Weile lang blätterten sie schweigend. Briefe. Postkarten. Ein Orden in einer kleinen Schachtel. Ein Foto von einer jungen Frau mit Kopftuch – rückseitig beschriftet: ‚Sofka – unsere polnische Haushilfe‘.

„Sie wurde wahrscheinlich deportiert“, sagte Lara.

„Vielleicht.“

„Was soll ich damit tun?“ fragte sie plötzlich. „Alles wegwerfen? Dem Museum geben? Vergraben?“

Feldkamp schüttelte den Kopf. „Nein. Bewahren. Und lesen. Immer wieder lesen. Sonst fängt das Schweigen wieder an.“

Sie nickte langsam. In ihren Augen spiegelte sich etwas Neues: eine Haltung, ein beginnendes Begreifen.

Und irgendwo draußen, zwischen den Fassaden des Viertels, bellte ein Hund. Das Leben ging weiter – aber im Inneren der kleinen Wohnung war etwas aufgebrochen, das nicht mehr ungesagt bleiben konnte.

Inleiding op het gedicht ‘schijtnesten’ (memento park).

Uit: Schrammenbloed

Ik ben er voor hoor: het van top tot teen bekladden van ‘monumentale’ mannen die fout zaten in onze koloniale geschiedenis en dus beslist geen voetstuk verdienen. Dat verkeerde verleden vormt voor mij niet eens het hoofdprobleem. Het zou slechts een aanleiding zijn om er eens lekker over heen te gaan met verfpotten in verschillende kleuren. En om teksten op de sokkel te schrijven als ‘Wangedrocht’, ‘Misbaksel’ of ‘Lelijk uitgietsel’.

Heftiger mag ook natuurlijk (Dief, Racist, Fascist, Fuck You), maar zelf voel ik geen boosheid, slechts completeerwoede. Ik heb deze sculpturen als kunstwerk altijd te onaf gevonden, juist omdat ze zo af waren. Er ontbrak iets aan, een destructieve ‘touch’. Dat hyperrealistische heeft iets onbehaaglijks. Dat een reactie mijnerzijds uitbleef had te maken met luiheid en goed fatsoen. En met angst voor de gevolgen.

Misbaksels verdienen geen voetstuk. Leve de verfspuiters met een inclusiever beeld van het verleden. (Wat ik dan weer jammer vind, is dat besloten wordt de beelden, juist in dit stadium van vervolmaking door verf en verminking, uit de openbare ruimte weg te halen.)

Houd je van één of meer van de volgende dingen: druipsteenkaarsen, stalagmieten, veel stroop op je pannenkoek, filmpjes van tsunami’s of aardverschuivingen, lawines, bouwvallen, schroothopen, sloopplaatsen, Jackson Pollock en ander abstract expressionisme? Dan zal deze nieuwste ‘rage’ je aanspreken, denk ik.

Vogelkak op bronzen koppen heb ik ook altijd prachtig gevonden. Van die witgele meeuwenflatsen met nog iets onverteerbaars erin. Als vrije vogel zou ik deze heren graag in de haren zitten. Ik zou keihard krijsen en mijn grote boodschap doen vol onverwerkte klonters. Jammer hoor dat er altijd een ambtenaar opduikt met een hogedrukspuit die het ‘verhaal’ dat daar ontstaat – de kunstzinnige interactie zeg maar – onbewogen uitwist.

Nu maken mensen met kennis van zaken en veel gevoel voor rechtvaardigheid mikpunten van deze voorbije helden. Ik vind het resultaat van hun acties veel beter dan een bordje erbij met een genuanceerde uitleg over de historische figuur in kwestie. Boze mensen schrijven betere teksten. Woorden die ik niet uit m’n spuitbus zou krijgen. Esthetischer ook vanwege de rijkgeschakeerde kronkels en het bonte kleurgebruik.

Verwijdering van ledematen komt het resultaat ook ten goede, vind ik. Wat ik dan weer jammer vind, is dat besloten wordt de beelden, juist in dit stadium van vervolmaking door verf en verminking, uit de openbare ruimte weg te halen. Niet doen overheden. De wisselwerking in het spanningsveld tussen heden en verleden geeft deze struikelblokken de esthetische status die openbare kunst zo vaak moet ontberen.

Nou goed, een overtuigende tekst richting bestuurders is niet aan mij besteed. Ik heb weleens een gedichtje geschreven over dit fenomeen, dat ik hierbij afdruk. Ondertussen zeg ik: succes woedende massa, maak iets moois van jullie pispalen. (P.S.: met het ‘crapuul’ in onderstaand rijm doel ik niet op jullie hoor.)

Schijtnesten (Memento Park)

Ze leken bij hun leven reeds verouderd,
toch staan ze hier nog even breedgeschouderd
op hun sokkels aan de grond:
de boven elke smart verheven beelden
van hoogbevoorrechten en ruimbedeelden
hun hoofden zwaar van stront.

Het onkwetsbaar brons van de gewezen helden
moest het in ieders plaats ontgelden
maar na de stenen en de kogels
waaraan ’t crapuul zich heeft bezeerd
is de rust onder hun blikken weergekeerd;
standvastig nog als pleisterplaats van vogels.

(Uit de bundel Schrammenbloed, ©Cum Suis, 2012)